Sprachkarten

Die Karten bilden die Antworten pro Ort als Kreisdiagramm ab. Dadurch wird sichtbar, welche Antwort wir an einem Ort am häufigsten erhalten haben und andere Nennungen fallen nicht unter den Tisch. Manchmal beruhen diese Diagramme auf sehr vielen Antworten (v.a. in den städtischen Gebieten) und manchmal auch nur auf sehr wenigen oder nur einer Antwort. Falls dein Ort noch nicht dabei ist oder dein eigener Sprachgebrauch fehlt, beantworte gerne noch einige Fragen!

Für die meisten gehört es wohl nicht mehr zum Alltag, in der Kindheit dürfte aber fast jeder damit in Kontakt gekommen sein: Gefragt haben wir nach dem Namen für „das Spiel, bei dem ein Kind den anderen Kindern hinterherjagt“. Die Karte dazu sieht ungewohnt klar gegliedert aus.

 

Der Atlas zur deutschen Alltagssprache (AdA) zeigt für NRW fast überall Fangen als meistgenannte Variante an. Das deckt sich zunächst mit unseren Daten aus der PALAVA-App: Der mit Abstand am häufigsten genannte Begriff für das Spiel (inklusive Varianten über 80 Prozent der Antworten) ist Fangen bzw. Fangen spielen; teilweise auch Fang (spielen) oder Fang(en)spiel, vielerorts die meistgenannte oder sogar einzige Bezeichnung. Vereinzelt wurden auch Fang mich (doch du Eierloch), Fangeln und Fangen mit Erlösen gemeldet, wobei Letzteres wohl eine Variante darstellt. Dialektale bzw. dialektal geprägte Varianten sind Fange (spielen/spelle/spöle), Fangespiel, Fangen spöl(l)en, Fangspöll und Fann(en).

Fangen kann definiert werden als ‚(er)greifen, zu fassen bekommen, der Freiheit berauben‘ (vgl. Pfeifer 1993). Bei dieser Bezeichnung steht also das ‚Abklatschen‘ im Spiel im Vordergrund (während ‚der Freiheit berauben‘ höchstens für bestimmte Varianten des Spiels passend ist).

 

Trotz der starken Verbreitung von Fangen ist die Begriffsvielfalt in NRW größer, als der AdA vermuten lässt. Neben Fangen (spielen) wurden bei unserer Befragung vor allem drei Bezeichnungen genannt: Kriegen, Packen und Nachlaufen.

Ähnlich wie Fangen benennt auch die Bezeichnung Kriegen (spielen) das Spiel nach dem ‚Abklatschen‘. Das umgangssprachliche Wort Kriegen, das man vor allem unter der Bedeutung ‚bekommen, erhalten‘ kennt, kann auch ‚jemanden fassen, greifen‘ bedeuten und hat eine interessante Etymologie: Es ist vom Substantiv Krieg abgeleitet, wahrscheinlich über ein heute ausgestorbenes Verb erkriegen mit der Bedeutung ‚erstreben, erlangen, zu erreichen suchen‘. Die genaue Entwicklung ist unklar, allerdings zeigt diese „Zwischenstufe“ das Bedeutungsspektrum des Wortes und erklärt damit auch die Bedeutung, die es im Zusammenhang mit dem Spiel hat (Pfeifer 1993; Kluge 2011).

Verbreitet ist Kriegen (spielen) als Bezeichnung für das Kinderspiel vor allem im Bergischen Land und Sauerland bis ins Ruhrgebiet, aber auch am nördlichen Niederrhein. Neben den standardsprachlichen Formen wurden auch Kriejen, Krieges (nur in Emmerich am Rhein), Kriejes, Kriegenes (nur in Kreuztal (im Siegerland)) und Kriejelches genannt.

 

Ein weiteres recht häufig genanntes Wort, das ‚ergreifen‘ bedeutet, ist Packen (spielen). Dieser Begriff wird fast ausschließlich im Kreis Steinfurt und in Ostwestfalen verwendet. Die Bedeutung ‚fassen, ergreifen‘ des Wortes, die auch der Bezeichnung für das Spiel zugrunde liegt, stammt aus der Soldaten- und Weidmannssprache und ist möglicherweise eine Kürzung von anpacken (vgl. Pfeifer 1993).

 

In der Frage wurde das Spiel mit „hinterherjagen“ umschrieben, sodass der Fokus eher auf dem Hinterherlaufen als auf dem Abklatschen liegt. So ist es auch bei der Bezeichnung Nachlaufen (spielen), die fast nur im Rheinland (außer am nördlichen Niederrhein) gemeldet wurde. Hier gab es recht viele dialektale Formen, vor allem Nålofe und Nålope (å steht hier für ein offenes o), aber auch Varianten mit Noa-, Na-, -loufe, -loupe etc. Interessant ist hier auch die regionale Verteilung von p und f: Im südlichen Teil des Gebiets wurde Nålofe und Ähnliches (mit f) genannt, nördlicher dagegen Nålope mit p. Die Grenze, die sich dabei zeigt, entspricht der Benrather Linie.

 

Bei Kriegen, Packen und Nachlaufen sind die jeweiligen Regionen, in denen das Spiel so genannt wird, auf der Karte gut erkennbar. Dass sich dabei so ein klares Bild ergibt, könnte (ähnlich wie bei den Wörtern für den ‚sicheren Ort‘) daran liegen, dass es um ein Kinderspiel geht – Kinder haben meist wenig Sprachkontakt zu anderen Regionen, sodass sich solche Wörter nicht wie sonst üblich vereinheitlichen.

 

Im Gegensatz dazu steht Räuber und Gendarm – diese Bezeichnung wurde deutlich seltener genannt, aber in fast allen Teilen Nordrhein-Westfalens. Räuber und Gendarm bezeichnet typischerweise eine Variante des einfachen Laufspiels, bei dem eine Gruppe (die ‚Gendarmen‘) Mitglieder einer anderen Gruppe (die ‚Räuber‘) fangen muss, die daraufhin in ein ‚Gefängnis‘ müssen, bis sie erlöst werden. In der Fragestellung war nicht näher erklärt, welche Regeln das gesuchte Spiel hat.

 

Neben diesen häufiger genannten Bezeichnungen existieren noch weitere Namen für das Spiel oder Varianten des ‚klassischen‘ Fangenspiels, die jeweils seltener als zehnmal genannt wurden.

Die Bezeichnung Wiederkriegen wurde fast nur im Ennepe-Ruhr-Kreis und im benachbarten Hagen angegeben. Eine weitere sehr kleinräumige Bezeichnung ist Juppe Jagen (mit Varianten Juppe Jaren und Juppie Jagen), das nur dreimal im Bergischen Land genannt wurde. Juppe bzw.  Juppi Jagen, auch Juppe Laupen, bedeutet 

 ‚hintereinander herlaufen, einander nachlaufen‘, die Etymologie ist unklar (RhWb; Bergischer Sprachschatz).

 

Haschen (mit Varianten) hat ähnlich wie Schnappen, Kaschen und das wohl aus dem Englischen übernommene Catch die Bedeutung ‚ergreifen‘, andere Bezeichnungen wie (sich) Jagen, Hinterherjagd und Hannerherlofen beziehen sich eher auf das ‚Nachlaufen‘ und Einkriegen auf das ‚Erreichen‘.

Ticken ist laut der Karte im AdA im Nordwesten Deutschlands verbreitet und kommt vom niederländischen tikken ‚einen leichten Schlag geben‘, wurde aber vereinzelt auch bei der Umfrage in der PALAVA-App genannt.

 

Daneben wurden einzelne Bezeichnungen genannt, deren Ursprung unklar ist. Otte wurde einmal von einer Gewährsperson aus Bielefeld gemeldet, wo man den „sicheren Ort beim Fangenspiel“ so nennt. Weitere Nennungen sind etwa Hocke, Hollworre und Kick.

 

RhWb: Rheinisches Wörterbuch, digitalisierte Fassung im Wörterbuchnetz des Trier Center for Digital Humanities, Version 01/23, [URL: www.woerterbuchnetz.de/RhWB/jupp]

Bergischer Sprachschatz: Gustav Hermann Halbach. Bergischer Sprachschatz. Remscheid 1951.

Pfeifer: Wolfgang Pfeifer et al., Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (1993), digitalisierte und von Wolfgang Pfeifer überarbeitete Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/d/wb-etymwb>, abgerufen am 01.04.2025.

Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Bearbeitet von Elmar Seebold. 25., durchgesehene und erweiterte Auflage. Berlin/Boston 2011.

AdA: Elspaß, Stephan & Robert Möller. 2003ff. Atlas zur deutschen Alltagssprache (AdA).  <https://www.atlas-alltagssprache.de/fangen-spiel>