Sprachkarten

Die Karten bilden die Antworten pro Ort als Kreisdiagramm ab. Dadurch wird sichtbar, welche Antwort wir an einem Ort am häufigsten erhalten haben und andere Nennungen fallen nicht unter den Tisch. Manchmal beruhen diese Diagramme auf sehr vielen Antworten (v.a. in den städtischen Gebieten) und manchmal auch nur auf sehr wenigen oder nur einer Antwort. Falls dein Ort noch nicht dabei ist oder dein eigener Sprachgebrauch fehlt, beantworte gerne noch einige Fragen!

Na, wer von euch hat es schon mal bis zu einer Kronenaufgabe geschafft? Die letzte Frage innerhalb eines Frageblocks wird ja immer erst freigeschaltet, wenn die acht Fragen davor bearbeitet worden sind. Hinter den Kronen verstecken sich Redewendungen, zu denen wir wissen wollen, ob ihr sie kennt, verwendet und welche Bedeutung sie für euch haben.

In der ersten PALAVA-Runde haben wir euch gefragt, ob ihr die Redewendung einen Ratsch am Kappes haben (auch im Kappes; Bedeutung: ‚verrückt sein, nicht alle Tassen im Schrank haben‘) kennt. Bei etwa einem Drittel aller Befragten lautete die Antwort „ja“ (1030 von 3179 Nennungen), auf der Karte in Gelb dargestellt. Bei den Antworten lässt sich eine regionale Verteilung erkennen: Im Rheinland ist die Redewendung vielen Menschen vertraut, je weiter man in NRW nach Norden geht, desto weniger häufig ist das der Fall. Grund hierfür ist der Ursprung des Phraseologismus: Er stammt aus den rheinischen Dialekten und ist von dort in die regionale Alltagssprache der Region übergegangen.

Betrachten wir einmal die einzelnen Teile näher. Ratsch ist im Duden für das Hochdeutsche verzeichnet als „Geräusch, das bei einer schnellen, reißenden Bewegung, z. B. beim Zerreißen von Papier, Stoff, entsteht“ (Duden 2015, S. 1423). In den Dialekten und Regiolekten des Rheinlandes bezeichnet es auch das Ergebnis des Geräusches: einen Riss in der Kleidung oder auch eine Schramme oder Wunde. Kappes ist ein beliebtes Wort in der rheinischen Umgangssprache, das ebenfalls aus den Mundarten stammt. Ursprünglich bezeichnet es die Kohlpflanze und das daraus hergestellte Sauerkraut. Seit dem 19. Jahrhundert wird es auch als Synonym für ‚Unsinn‘ verwendet, angelehnt an das rotwelsche Wort Kohl ‚Unsinn, Scherz, sinnloses Gerede‘. Unserer Redewendung liegt allerdings eine dritte Bedeutung zugrunde, die noch erstaunlich nah an dem Ursprung des rheinischen Kappes ‚Kohl‘ liegt: lateinisch caput ‚Haupt, Kopf‘. Der Ratsch em Kappes (in der regionalen Variante wird aus dem dialektalen em ‚im‘ ein im oder am) ist also ein ‚Riss im Kopf‘ und gibt damit ein Bild wieder, das sich auch in der allgemeinen deutschen Umgangssprache und in vielen weiteren Sprachen findet: einen Riss in der Birne haben, einen Sprung in der Schüssel haben, jiddisch Ich darf es vi a loch in kop und englisch to need something as one needs a hole in the head (‚etw. so dringend brauchen wie ein Loch im Kopf‘) (Honnen 2012, S. 184). Diese weite Verbreitung von Redewendungen mit dem gleichen Motiv spricht dagegen, eine gern erzählte Entstehungslegende aus dem Rheinland als tatsächlichen Ursprung anzunehmen. Denn hier wird berichtet, dass die Wiege der Wendung in Siegburg stehe, genauer gesagt in der Siegburger Irrenanstalt um das Jahr 1870. Denn hier behandelte der Arzt Carl Pelman Patient:innen mit bestimmten psychischen Erkrankungen auf eine aus heutiger Sicht äußerst gruselige Art und Weise: Die Schädeldecke dieser Menschen wurde an einer Stelle geöffnet und der Riss über längere Zeit mit einer stark quecksilberhaltigen Salbe behandelt. Das sichtbare Ergebnis dieser Methode wurde von den Einwohner:innen der Umgebung als Ratsch im Kappes bezeichnet. Letzteres kann durchaus sein, aber dann war die Redewendung zu dieser Zeit in Siegburg und Umgebung bereits bekannt, entstanden ist sie hier nicht.


Literatur:

Duden. Deutsches Universalwörterbuch. 8., überarbeitete und erweiterte Auflage. Herausgegeben von der Dudenredaktion. Berlin 2015.

Peter Honnen: Alles Kokolores? Wörter und Wortgeschichten aus dem Rheinland. 4. Auflage. Köln 2012.

Peter Honnen: Wo kommt dat her? Herkunftswörterbuch der Umgangssprache an Rhein und Ruhr. Köln 2018.

Rheinisches Wörterbuch. […] hrsg. und bearb. von Josef Müller u. a. Bonn, Berlin 1928—1971. [URL: http://woerterbuchnetz.de/cgi-bin/WBNetz/wbgui_py?sigle=RhWB].