Sprachkarten

Die Karten bilden die Antworten pro Ort als Kreisdiagramm ab. Dadurch wird sichtbar, welche Antwort wir an einem Ort am häufigsten erhalten haben und andere Nennungen fallen nicht unter den Tisch. Manchmal beruhen diese Diagramme auf sehr vielen Antworten (v.a. in den städtischen Gebieten) und manchmal auch nur auf sehr wenigen oder nur einer Antwort. Falls dein Ort noch nicht dabei ist oder dein eigener Sprachgebrauch fehlt, beantworte gerne noch einige Fragen!

In der ersten Fragerunde der PALAVA-App haben wir gefragt, wie ihr das Fußballspielen außerhalb eines Vereins, z.B. auf der Straße oder auf dem Schulhof, nennt. 2665 Antworten (von insgesamt 2773) haben wir zu zehn Gruppen zusammengefasst und auf der vorliegenden Karte abgebildet.

 

Am häufigsten wurde das Verb bolzen genannt (1241 Nennungen). Es hat den gleichen Ursprung wie das Substantiv Bolzen, das einen dicken Metallstift und das Geschoss einer Armbrust bezeichnet (mhd. bolz(e), mnd. bolte, ahd. bolz(o) ‚Bolzen, Pflock‘). Das Wort geht zurück auf westgermanisch *bulta-, das seinerseits aus der indogermanischen lautmalerischen Verbwurzel *bhelH- ‚tönen, dröhnen‘ entstanden ist. Der Bolzen wurde also nach dem Ton, den er beim Einschlagen abgibt, benannt. Daraus hat sich im 16. Jahrhundert das Verb bolzen mit der Bedeutung ‚kräftig schlagen, hämmern‘ entwickelt, die wiederum auf das kräftige Treten gegen einen Ball übertragen wurde. Schon das Rheinische Wörterbuch, das den Stand der rheinischen Dialekte zu Beginn des 20. Jahrhunderts verzeichnet, führt das Verb mit der Erklärung „die Jugend gebraucht das Wort […] als technischen Ausdruck beim Fuss- u. Faustball“ (RhWb 1, Sp. 864) auf. In der aktuellen Alltagssprache in NRW ist bolzen weit verbreitet, insbesondere im zentralen Rheinland, am Niederrhein und im westlichen Ruhrgebiet, im Bergischen Land, im Siegerland, im südlichen Sauerland und Norden von Ostwestfalen-Lippe. Wie die gleichlautende Karte des Atlas zur deutschen Alltagssprache (AdA) zeigt, wird das Wort aber fast überall in Deutschland benutzt.

 

In den Regionen, in denen bolzen weniger häufig genannt wurde, also im östlichen Ruhrgebiet, im Münsterland, im nördlichen Sauerland und im Süden von Ostwestfalen-Lippe, ist ein anderes regionales Lexem weit verbreitet: pöhlen (697 Nennungen). Sein Ursprung ist nicht eindeutig geklärt. Anzunehmen ist ein Zusammenhang mit dialektalem Pöhl ‚Pfahl‘ und ein Vergleich zwischen dem Einschlagen eines Pfahls in den Boden und des Schießens eines Fußballs. Pöhlen kann entweder mit offenem ö (wie in Hölle) oder mit geschlossenem ö (wie in Öl) ausgesprochen werden (näher Erläuterungen dazu wird es in einer eigenen Karte geben).

 

Insbesondere im zentralen Rheinland und im Bergischen Land, aber auch am Niederrhein und vereinzelt im gesamten Bundesland, wird kicken genannt (552 Nennungen). Das Wort wurde im 20. Jahrhundert aus dem Englischen entlehnt, wo es ursprünglich allgemein ‚(mit dem Fuß) treten, stoßen‘ bedeutete. Vergleicht man unsere Karte wieder mit der aus dem AdA, zeigt sich, dass kicken insbesondere auch im Rhein-Main-Gebiet und in Baden-Württemberg verbreitet ist. Vierzehnmal wurde auch die Variante kickern genannt, die sonst zumeist in der Bedeutung ‚Tischfußball spielen‘ verwendet wird.

 

Kleinräumig in und um Mönchengladbach wurde zwölfmal pengen bzw. pingen genannt. Dieses, schon in den Dialekten der Region bekannte Wort, ist wahrscheinlich auf das Schallwort Päng!, das einen Schuss nachahmen soll, zurückzuführen.

 

Ebenfalls nur aus einem sehr begrenzten Gebiet, aus Mülheim/Ruhr und Essen, wurde das Verb bötschen gemeldet. Hier ist ein Zusammenhang zum gleichlautenden Dialektwort mit der Bedeutung ‚einen Gegenstand stoßen, verbeulen, eindrücken‘ anzunehmen.

 

Vereinzelt überall in NRW kommen die beiden Varianten Fußball spielen (115 Nennungen) und Fußball/Fussek zocken (21 Nennungen) vor. Bei Fußball spielen handelt es um die standardsprachliche Bezeichnung des Spiels, das Ende des 19. Jahrhunderts mit seiner Bezeichnung (engl. football) aus England übernommen wurde. Das Verb zocken geht auf das jiddische zschocken, zachkenen spielen‘ zurück, das über das Rotwelsche Eingang in die deutsche Alltags- und Umgangssprache gefunden hat. Die ursprüngliche Bedeutung ‚am Glücksspiel teilnehmen‘ hat sich mit der Zeit erweitert, so dass zocken daneben heute auch in Kombination mit verschiedenen Sportart-, Medien- oder Spielbezeichnungen in der Bedeutung ‚spielen‘ vorkommt (z.B. Fußball/Computer/Counter-Strike/Karten/Gitarre zocken).

 

Literatur:

 

AdA = Atlas zur deutschen Alltagssprache. Herausgegeben von Stephan Elspaß/Robert Möller. 2003–. [URL: www.atlas-alltagssprache.de].

 

DWDS. Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache. Das Wortauskunftssystem zur deutschen Sprache in Geschichte und Gegenwart, hrsg. v. d. Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. [URL: https://www.dwds.de/].

 

Peter Honnen: Wo kommt dat her? Herkunftswörterbuch der Umgangssprache an Rhein und Ruhr. Köln 2018.

 

RhWB = Rheinisches Wörterbuch. […] hrsg. und bearb. von Josef Müller u. a. Bonn, Berlin 1928—1971. [URL: https://www.woerterbuchnetz.de/RhWB].

 

Helmut Rix: Lexikon der indogermanischen Verben. Die Wurzeln und ihre Primärstammbildungen. Zweite, erweiterte und verbesserte Auflage bearbeitet von Martin Kümmel und Helmut Rix. Wiesbaden 2001.