Sprachkarten

Die Karten bilden die Antworten pro Ort als Kreisdiagramm ab. Dadurch wird sichtbar, welche Antwort wir an einem Ort am häufigsten erhalten haben und andere Nennungen fallen nicht unter den Tisch. Manchmal beruhen diese Diagramme auf sehr vielen Antworten (v.a. in den städtischen Gebieten) und manchmal auch nur auf sehr wenigen oder nur einer Antwort. Falls dein Ort noch nicht dabei ist oder dein eigener Sprachgebrauch fehlt, beantworte gerne noch einige Fragen!

Der Sommer ist in vollem Gange und die Menschen zieht es ins Freie, um sich dort teils noch in die späten Stunden die Zeit zu vertreiben. Wer beim Picknick, Spazierengehen oder im Freibad nicht genügend Nervenkitzel findet, kommt auf der Kirmes voll auf seine Kosten. An unterschiedlichen Orten, an denen solche Volksfeste mit Fahrgeschäften, Süßkram und lauter Musik stattfinden, mangelt es in NRW jedenfalls genauso wenig, wie an teilweise stark variierenden Bezeichnungen für eben diese Feste. Um diese verschiedenen Wörter zu erheben, wurde den Nutzer*innen der PALAVA-App ein Bild von Fahrgeschäften gezeigt und anschließend die Frage gestellt „Wie nennst du ein solches Volksfest?“. Aus den Antworten können wir nun interessante Schlüsse ziehen.

Allem voran sei eines festgestellt: Das mit großem Abstand am weitesten verbreitete Wort für die oben beschriebenen Feste lautet Kirmes. Es leitet sich von mittelhochdeutsch kirmesse ab und bezeichnet zunächst die Messe zur Weihe einer neuerbauten oder renovierten Kirche, zu deren Jahrestag in den anschließenden Jahren wieder Feste gefeiert werden, die man ebenfalls als kirmesse bezeichnet. Durch die zunehmende Säkularisierung steht häufig nur noch der Termin mit dem religiösen Ursprung der jeweiligen Kirmes in Verbindung, ansonsten stehen die Volksfeste eher im Zeichen weltlichen Vergnügens. 

Kirmes wird in verschiedenen Teilen NRWs sehr unterschiedlich ausgesprochen. Zu diesem Phänomen wird in naher Zukunft eine Karte folgen. Zunächst widmen wir uns in unserer neuen Karte aber all jenen Wörtern, die von der Bezeichnung Kirmes abweichen. Tatsächlich ist der Variantenreichtum dahingehend nämlich ziemlich groß und reicht von Wörtern, die auch über die Grenzen von NRW hinausgehend verbreitet sind bis hin zu ausschließlich lokal bekannten Volksfestnamen.

Die sowohl in NRW als auch überregional beliebte Bezeichnung Rummel ist etwa seit Mitte des 18. Jahrhunderts belegt und wurde aus dem Verb rummeln zurückgebildet, das lautmalerisch ein dumpfes Dröhnen oder Poltern nachahmt. Rummel bezeichnet also in erster Linie ein lautes Getöse und lärmende Betriebsamkeit, wie sie auf entsprechenden Rummelplätzen zwischen Buden und Fahrgeschäften keine Seltenheit ist.

Etwas diffuser verteilt zeigt sich das Wort Jahrmarkt auf der Karte. Die Bedeutung dieses zusammengesetzten Substantivs erschließt sich recht schnell. So bezeichnet es einen Markt, der jährlich zur selben Zeit stattfindet. Neben den bereits erwähnten Jahrestagen zur Kirchweihe konnten solche Feste auch andere, weltlichere Anlässe haben. Die kürzere Form Markt findet sich auf unserer Karte überwiegend an der nördlichsten Spitze von Ostwestfalen-Lippe sowie vereinzelt im sauerländischen Marsberg und in Simmerath, wo es in der für das Ripuarische üblichen Form Maat realisiert wurde.

Etwas weiter östlich vom Markt-Gebiet in Ostwestfalen-Lippe ist die Bezeichnung Messe sehr verbreitet. Genau wie die geistlichen Ursprünge der Kirmes verweist auch dieses Wort auf die Messe und die Festtage zur Kirchweihe. Hinzu kommt, dass man ab dem 14. Jahrhundert sowohl die zeitgleich zu den Festen stattfindenden Märkte als auch internationale Handelsveranstaltungen als Messen bezeichnet. Letztere Warenausstellungen mit Teilnehmenden aus aller Welt nennen wir schließlich auch heute noch Messen. Bis ins 17. Jahrhundert verwendete man die Wörter Messe und Markt quasi synonym zueinander, woraus sich ein Erklärungsansatz für die räumliche Nähe der Markt- und Messe-Gebiete auf unserer Karte ergeben könnte.

Die in Paderborn, Borchen und Bad Driburg verbreitete Bezeichnung Libori ist hingegen ein klar lokales Phänomen und geht auf den Namen für das neuntägige Volksfest der Stadt Paderborn zurück. Es wurde nach dem Heiligen Liborius, dem Schutzpatron der Stadt, benannt, an dessen Patronatsfest am 23. Juli sich auch der jährliche Termin des Festes orientiert.

Das im Münsterland bevorzugte Wort Send hat ebenfalls einen geistlichen Ursprung und stammt etymologisch vom Wort Synode ab, was eine Versammlung von Vertretern einer Kirchengemeinde bezeichnet. Im Bistum Münster fanden solche Synoden seit dem 9. Jahrhundert zweimal jährlich statt, woran sich ab dem 11. Jahrhundert ein großer Markt anschloss. Wie auch bei den zuvor genannten Märkten, die in Verbindung mit geistlichen Veranstaltungen standen, entwickelte sich auch der Send zu einem zunehmend weltlichen Volksfest, das mittlerweile dreimal im Jahr stattfindet.

Zu guter Letzt kennt man Volksfeste in Aachen, Alsdorf und Herzogenrath als Bend, was auf den Öcher Bend, das Volksfest der Stadt Aachen zurückgeht. Wer hier inspiriert von den Etymologien der bisher vorgestellten Volksfestnamen von Ursprüngen beim Heiligen Bernhard ausgeht, täuscht sich. Stattdessen bezeichnet Bend im Aachener Dialekt eine große Wiese, die sich zur Austragung eines großen Volksfests natürlich besonders gut anbietet.

Ganz egal, ob es Sie dieses Jahr auf die Kirmes, den Rummel, den Jahrmarkt oder sonst wohin verschlägt, sollten Sie nun bestens darauf vorbereitet sein, ihren Mitmenschen einige interessante Fakten zu den Volksfesten in NRW beizubringen. Gepaart mit Zuckerwatte und kandierten Äpfeln macht das sogar noch viel mehr Spaß!

 

Literatur:

Allgaier, Karl / Meinolf Bauschulte / Richard Wollgarten (2010): Neuer Aachener Sprachschatz. auf der Grundlage des Werks von Will Hermanns. Aachen. Öcher Platt e.V.

„Jahrmarkt“, in: Wolfgang Pfeifer et al. (1993): Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, digitalisierte und von Wolfgang Pfeifer überarbeitete Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, https://www.dwds.de/wb/etymwb/Jahrmarkt (zuletzt abgerufen am 08.07.2026).

„Kirmes“, in: Wolfgang Pfeifer et al. (1993): Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, digitalisierte und von Wolfgang Pfeifer überarbeitete Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, https://www.dwds.de/wb/etymwb/Kirmes (zuletzt abgerufen am 08.07.2026).

„Messe“, in: Wolfgang Pfeifer et al. (1993): Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, digitalisierte und von Wolfgang Pfeifer überarbeitete Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, https://www.dwds.de/wb/etymwb/Messe (zuletzt abgerufen am 08.07.2026).

„Rummel“, in: Wolfgang Pfeifer et al. (1993): Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, digitalisierte und von Wolfgang Pfeifer überarbeitete Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache. https://www.dwds.de/wb/etymwb/Rummel (zuletzt abgerufen am 08.07.2026).

www.aachen.de (o.J.): Geschichte des Öcher Bend. https://web.archive.org/web/20070313205540/http://www.aachen.de/DE/stadt_buerger/aachen_profil/bedeutende_ereignisse/oecher_bend/geschichte/index.html (zuletzt abgerufen am 15.07.2026).

www.paderborn.de (2015): Libori – geschichtliche Hintergründe. https://web.archive.org/web/20150703083706/https:/www.paderborn.de/microsite/libori/wissen/109010100000017521.php?p=0,1 (zuletzt abgerufen am 15.07.2026).

www.stadt-muenster.de (o.J.): Historisches zum Send. https://www.stadt-muenster.de/send/historisches (zuletzt abgerufen am 15.07.2026).