„Die nächste
Runde geht rückwärts.“
Bei unserer letzten Karte haben wir uns mit unterschiedlichen Synonymen
beschäftigt, die in NRW für das Wort Kirmes
verbreitet sind. Nun befassen wir uns mit der Bezeichnung Kirmes selbst und konzentrieren uns auf die Art und Weise, wie das darin
enthaltene <i> ausgesprochen wird. Die Basis bildet erneut eine Aufgabe,
in der den Nutzer*innen der PALAVA-App ein Bild von Fahrgeschäften gezeigt
wurde und sie gefragt wurden „Wie nennst du ein solches Volksfest?“.
Insgesamt können wir drei Arten der i-Aussprache feststellen: Die erste
Gruppe besteht aus Nutzer*innen, die das <i> in Kirmes wie das <ie> im Wort Tier aussprechen. Auf der Karte ist die Gruppe grün dargestellt,
wodurch deutlich wird, dass diese Gewährspersonen eine klare Mehrheit im
westfälischen Sprachgebiet und am Niederrhein ausmachen. Auch im östlich an das
Sauerland angrenzenden Bergischen Land ist die Variante verbreitet. Seltener
findet man sie auch in der Grenzregion zwischen dem Bergischen Land und der
Kölner Bucht, wie in Leichlingen und Odenthal, oder im Rhein-Sieg-Kreis, wie in
Siegburg und Eitorf, belegt.
Die zweite Gruppe besteht aus Gewährspersonen, die das <i> in Kirmes wie das <i> im Wort Kind aussprechen. Diese Aussprache ist
mehrheitlich im zentralen und südlichen Rheinland verbreitet und ist auf der
Karte rosa dargestellt. Da diese Aussprache der allgemeinen Standardlautung für
Kirmes entspricht, ist sie im
gesamten Erhebungsgebiet noch an einigen Stellen deutlich, wenngleich nicht
mehrheitlich belegt.
Die dritte Gruppe an Gewährspersonen spricht das <i> in Kirmes wie das <ü> in Müll aus. Diese Gruppe wird auf der
Karte blau dargestellt und wird nur in Grefrath, Heinsberg, Willich, Inden und
Kürten mehrheitlich gemeldet. Ansonsten ist die Variante insbesondere am südwestlichen
Niederrhein und im zentralen Rheinland verbreitet. Interessanterweise findet
sich in unseren Daten der mit Abstand nördlichste Beleg für die Variante in
Bielefeld und somit weit entfernt von ihrem Hauptausbreitungsgebiet.
Die Verteilung der Varianten <i> wie <ie> in Tier und <i> wie <i> in Kind fällt in bemerkenswertem Maße mit
einer bereits seit der Mitte des 19. Jahrhunderts unter dem Namen Uerdinger Linie bekannten Sprachgrenze.
Den Namen gab ihr der Sprachforscher Georg Wenker, der unter anderem
feststellte, dass unterhalb dieser Grenze das Personalpronomen „ich“ in der
heute standardsprachlich verbreiteten Lautung verwendet wurde, während man es oberhalb
der Grenze als „ik“ oder „ek“ realisierte. Den Verlauf dieses Phänomens
kartierte er akribisch, wodurch wir ihn auch heute noch für NRW aber auch weit
darüber hinaus nachverfolgen können. Unsere Daten ergeben nun, dass die Linie
zumindest in NRW nicht nur die ich-ik-Grenze markiert, sondern eben auch die
Unterscheidung eines nord-östlichen „Kiermes“- und eines süd-westlichen
„Kirrmes“-Gebiets zulässt. Bei ähnlicher Lautung, beispielsweise bei den
Wörtern Kirsche oder Schirm, lässt sich darüber hinaus dieselbe
Verteilung feststellen. Somit handelt es sich offensichtlich um ein gefestigtes
Phänomen.
Literatur:
Georg Cornelissen: dat & wat. Der Sprachatlas für das Land am Rhein
zwischen Emmerich und Eifel. Unter Mitarbeit von Esther Weiss und Martina
Schaper. Köln 2021.
Georg Cornelissen: Kleine Sprachgeschichte von Nordrhein-Westfalen. Köln
2015.
Hermann Niebaum/Jürgen Macha: Einführung in die Dialektologie des
Deutschen. (= Germanistische Arbeitshefte 37). 3. Auflage. Berlin/Boston 2014.
„Kirmes“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen
Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Kirmes>, abgerufen am 19.08.2026.
Peter von Polenz: Geschichte der deutschen Sprache. 10., völlig neu
bearb. Aufl. von Norbert Richard Wolf. Berlin/New York 2009.