Sprachkarten

Die Karten bilden die Antworten pro Ort als Kreisdiagramm ab. Dadurch wird sichtbar, welche Antwort wir an einem Ort am häufigsten erhalten haben und andere Nennungen fallen nicht unter den Tisch. Manchmal beruhen diese Diagramme auf sehr vielen Antworten (v.a. in den städtischen Gebieten) und manchmal auch nur auf sehr wenigen oder nur einer Antwort. Falls dein Ort noch nicht dabei ist oder dein eigener Sprachgebrauch fehlt, beantworte gerne noch einige Fragen!

„Die nächste Runde geht rückwärts.“

 

Bei unserer letzten Karte haben wir uns mit unterschiedlichen Synonymen beschäftigt, die in NRW für das Wort Kirmes verbreitet sind. Nun befassen wir uns mit der Bezeichnung Kirmes selbst und konzentrieren uns auf die Art und Weise, wie das darin enthaltene <i> ausgesprochen wird. Die Basis bildet erneut eine Aufgabe, in der den Nutzer*innen der PALAVA-App ein Bild von Fahrgeschäften gezeigt wurde und sie gefragt wurden „Wie nennst du ein solches Volksfest?“.

Insgesamt können wir drei Arten der i-Aussprache feststellen: Die erste Gruppe besteht aus Nutzer*innen, die das <i> in Kirmes wie das <ie> im Wort Tier aussprechen. Auf der Karte ist die Gruppe grün dargestellt, wodurch deutlich wird, dass diese Gewährspersonen eine klare Mehrheit im westfälischen Sprachgebiet und am Niederrhein ausmachen. Auch im östlich an das Sauerland angrenzenden Bergischen Land ist die Variante verbreitet. Seltener findet man sie auch in der Grenzregion zwischen dem Bergischen Land und der Kölner Bucht, wie in Leichlingen und Odenthal, oder im Rhein-Sieg-Kreis, wie in Siegburg und Eitorf, belegt.

Die zweite Gruppe besteht aus Gewährspersonen, die das <i> in Kirmes wie das <i> im Wort Kind aussprechen. Diese Aussprache ist mehrheitlich im zentralen und südlichen Rheinland verbreitet und ist auf der Karte rosa dargestellt. Da diese Aussprache der allgemeinen Standardlautung für Kirmes entspricht, ist sie im gesamten Erhebungsgebiet noch an einigen Stellen deutlich, wenngleich nicht mehrheitlich belegt.

Die dritte Gruppe an Gewährspersonen spricht das <i> in Kirmes wie das <ü> in Müll aus. Diese Gruppe wird auf der Karte blau dargestellt und wird nur in Grefrath, Heinsberg, Willich, Inden und Kürten mehrheitlich gemeldet. Ansonsten ist die Variante insbesondere am südwestlichen Niederrhein und im zentralen Rheinland verbreitet. Interessanterweise findet sich in unseren Daten der mit Abstand nördlichste Beleg für die Variante in Bielefeld und somit weit entfernt von ihrem Hauptausbreitungsgebiet.

Die Verteilung der Varianten <i> wie <ie> in Tier und <i> wie <i> in Kind fällt in bemerkenswertem Maße mit einer bereits seit der Mitte des 19. Jahrhunderts unter dem Namen Uerdinger Linie bekannten Sprachgrenze. Den Namen gab ihr der Sprachforscher Georg Wenker, der unter anderem feststellte, dass unterhalb dieser Grenze das Personalpronomen „ich“ in der heute standardsprachlich verbreiteten Lautung verwendet wurde, während man es oberhalb der Grenze als „ik“ oder „ek“ realisierte. Den Verlauf dieses Phänomens kartierte er akribisch, wodurch wir ihn auch heute noch für NRW aber auch weit darüber hinaus nachverfolgen können. Unsere Daten ergeben nun, dass die Linie zumindest in NRW nicht nur die ich-ik-Grenze markiert, sondern eben auch die Unterscheidung eines nord-östlichen „Kiermes“- und eines süd-westlichen „Kirrmes“-Gebiets zulässt. Bei ähnlicher Lautung, beispielsweise bei den Wörtern Kirsche oder Schirm, lässt sich darüber hinaus dieselbe Verteilung feststellen. Somit handelt es sich offensichtlich um ein gefestigtes Phänomen.

Literatur:

Georg Cornelissen: dat & wat. Der Sprachatlas für das Land am Rhein zwischen Emmerich und Eifel. Unter Mitarbeit von Esther Weiss und Martina Schaper. Köln 2021.

Georg Cornelissen: Kleine Sprachgeschichte von Nordrhein-Westfalen. Köln 2015.

Hermann Niebaum/Jürgen Macha: Einführung in die Dialektologie des Deutschen. (= Germanistische Arbeitshefte 37). 3. Auflage. Berlin/Boston 2014.

„Kirmes“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Kirmes>, abgerufen am 19.08.2026.

Peter von Polenz: Geschichte der deutschen Sprache. 10., völlig neu bearb. Aufl. von Norbert Richard Wolf. Berlin/New York 2009.