Doch zuerst noch ein Hinweis darauf, was auf der Karte nicht verzeichnet ist: die überregionalen Standardvarianten Butterbrot bzw. Brot mit Butter (insgesamt 1720 Nennungen), die in ganz Nordrhein-Westfalen (und weit darüber hinaus) vorkommen. So werden die regionalen Varianten, die uns genannt worden sind, auf der Karte besser sichtbar.
Die meisten Antworten auf der Karte entfallen auf Butterstulle bzw. Stulle, die hier zusammengefasst in rosa dargestellt werden (385 Nennungen). Sie finden sich insbesondere in der Nordhälfte des Bundeslands, im Münsterland, Ostwestfalen-Lippe und im Ruhrgebiet. Dieses häufige Vorkommen ist bemerkenswert, denn die Stulle hat ihren Ursprung nicht in den rheinischen und westfälischen Dialekten, sondern gilt als Variante, die im Nordosten Deutschlands verbreitet ist, insbesondere in Berlin. Zu ihrem Ursprung ist häufig zu lesen, dass die Bezeichnung durch niederländische Siedler importiert sein soll, anhand von historischen Belegen sicher beweisen kann man diese Theorie aber bis jetzt nicht.
Eindeutig nordrhein-westfälische Varianten sind Bütterken (228 Nennungen) bzw. Bütterchen (65 Nennungen). Diese Verkleinerungsformen von Butter kommen als Bezeichnung für ein Butterbrot vor allem im Bergischen Land, im Ruhrgebiet, am Niederrhein und in Ostwestfalen-Lippe vor. Die beiden Varianten des Verkleinerungssuffixes, -ken und -chen, sind durch die Zweite Lautverschiebung bedingt, die das Nieder- und Hochdeutsche voneinander trennt. Das Vorkommen der beiden Formen ist in den Dialekten räumlich klar verteilt: Südlich der sogenannten Benrather Linie, einer „Sprachgrenze“, die auf der Höhe von Düsseldorf quer durch NRW verläuft, wird -chen verwendet, nördlich -ken. Eine solch klare Verteilung ist auf der PALAVA-Karte nicht zu sehen. Hier kommt Bütterken auch südlich der Benrather Linie vor und Bütterchen nördlich. Die Kurzform ohne Verkleinerungsform, Butter, wird dreißigmal genannt und kommt im gleichen Gebiet vor.
Knapp über zweihundertmal wurde die Variante Knifte (auch in den Lautformen Kniefte, Knierfte, Knirfte) in die App eingesprochen. Dies war insbesondere im Ruhrgebiet und in den daran angrenzenden westlichen, nördlichen und östlichen Regionen der Fall. Für dieses Gebiet ist das Wort auch in den Dialektwörterbüchern belegt. Es kann auf das westfälische Verb kniffen ‚falten‘ zurückgeführt werden: Zum Mitnehmen wurde (und wird) die Scheibe Brot oft halbiert und zusammengeklappt, eben in der Mitte gefaltet.
Aus dem zentralen Rheinland, vom südlichen Niederrhein und vereinzelt auch vom nördlichen Niederrhein wurde uns Botteram (auch Bottram, Butteram, Buttram) gemeldet. Hierbei handelt es sich um die gängigste Bezeichnung für ein Butterbrot (oder auch Brot mit anderem Belag) in den ripuarischen und niederfränkischen Dialekten, aus denen diese auch in die regionale Alltagssprache übernommen worden ist. Während der erste Wortbestandteil Botter-/Butter- leicht zu entschlüsseln ist, gibt das Grundwort –(r)am der etymologischen Forschung Rätsel auf und es konnte bis heute keine überzeugende Erklärung für dessen Ursprung gefunden werden.
Wie schon auf anderen PALAVA-Karten zu sehen („kleines, scharfes Messer“, „Verabschiedung von Freundinnen und Freunden“, „Bettdecke“, „stark regnen“), geht das Siegerland auch beim Butterbrot einen eigenen Weg. Mit über zwanzig Meldungen dominiert in dieser Region deutlich die Variante Dung/Dong. Das Wort geht, wie auch das ähnlich lautende Dung ‚Mist‘, zurück auf mittelhochdeutsch tunge ‚Dünger; Stärkung, Imbiss‘. Dass der Raum auf so vielen Karten auffällt, ist darauf zurückzuführen, dass er, im Unterschied aller anderen Regionen in NRW, dem moselfränkischen Dialektgebiet zugehört und aus diesen Dialekten Begriffe in die regionale Alltagssprache übernommen werden.
Insbesondere im westlichen Ruhrgebiet und am angrenzenden Niederrhein ist für ein Butterbrot auch noch die Bezeichnung Dubbel gebräuchlich (21 Nennungen). Hierbei handelt es sich um die dialektale Lautform für doppelt, wörtlich ist also ein ‚doppeltes Butterbrot‘, zwei aufeinander gelegte Scheiben, gemeint.
Die wenigsten Nennungen (8) auf der vorliegenden Karte entfallen auf Karo (mit kurzem oder langem a). Zu finden sind sie im nördlichen Südwestfalen und im nördlichen Münsterland. Es ist davon auszugehen, dass die Form des geschnittenen Butterbrotes bei der Wortentstehung Pate stand.
Wenn’s euch jetzt wie mir geht und ihr Hunger bekommen habt: Schmiert euch ’ne Stulle, ’n Bütterken oder ’n Dung und lasst es euch schmecken!
Literatur:
Ulrich Ammon/Hans Bickel/Alexandra N. Lenz (Hrsg.): Variantenwörterbuch des Deutschen. Die Standardsprache in Österreich, der Schweiz, Deutschland, Liechtenstein, Luxemburg, Ostbelgien und Südtirol sowie Rumänien, Namibia und Mennonitensiedlungen. 2., völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Berlin/Boston 2016.
DWDS. Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache. Das Wortauskunftssystem zur deutschen Sprache in Geschichte und Gegenwart, hrsg. v. d. Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. [URL: https://www.dwds.de/].
Peter Honnen: Wo kommt dat her? Herkunftswörterbuch der Umgangssprache an Rhein und Ruhr. Köln 2018.
Rheinisches Wörterbuch, digitalisierte Fassung im Wörterbuchnetz des Trier Center for Digital Humanities, Version 01/23, [URL: https://www.woerterbuchnetz.de/RhWB].
Westfälisches Wörterbuch, digitalisierte Fassung im Wörterbuchnetz des Trier Center for Digital Humanities, Version 01/23, [URL: https://www.woerterbuchnetz.de/WWB].