Als einer der populärsten Heiligen der Katholischen Kirche
wird der heilige Martin von Tours auf der Webseite
des Erzbistums Köln bezeichnet. Insbesondere in katholisch geprägten
Gebieten wie dem Rheinland und Westfalen erinnern Martinsbräuche bis heute
jedes Jahr am 11. November an den barmherzigen Soldaten. Das gemeinsame Basteln
von Laternen und Singen der Martinslieder läutet in vielen Schulen und
Kindergärten die Herbstzeit ein und bringt Licht in die dunkle Jahreszeit.
Neben Laternen und Liedern gehört ein traditionelles Gebäck am Martinstag dazu:
ein Hefeteigmann, oft mit Pfeife oder in einer moderneren Version mit Lolli.
Doch als „Hefeteigmann“ würde ihn in Nordrhein-Westfalen wohl niemand
bezeichnen, wie unsere Karte zeigt.
Am auffälligsten ist die deutliche Trennung zwischen den
rosa dargestellten Weckmann-Nennungen (in verschiedener Lautung wie Weckmann,
Weggemann oder Weckmännchen) und den gelben Stutenkerl-Antworten.
Der Grenzverlauf entspricht ziemlich genau der Grenze zwischen Rheinland und
Westfalen, die aus dialektologischer Perspektive als „Westfälische Linie“ oder
auch „Einheitsplurallinie“ bekannt ist und die niederfränkischen und die
westfälischen Dialekte trennt. Ein Vergleich mit älteren Karten zeigt, dass
diese Weckmann-Stutenkerl-Grenze schon lange sehr stabil
existiert und die beiden Wörter auch in den jeweils angrenzenden
Gebieten bekannt sind. Die beiden Erstglieder der Wörter beziehen sind auf
die Form des Gebäcks und entstammen den jeweiligen Dialekten: Weck geht
auf das germanische *wagja- zurück, das zuerst nur ‚Keil‘ bedeutete,
aber bereits früh auf ein entsprechend geformtes Weizengebäckstück übertragen
wurde (vgl. auch niederländisch wegge, weg ‚Keil,
Weizenbrötchen‘, englisch wedge ‚Keil, keilförmiges Stück (Kuchen)‘. Stuten-
geht auf althochdeutsch stiuʒ ‚Oberschenkel, Steiß‘ zurück und
bezeichnet im Niederdeutschen ein schenkelförmiges Gebäckstück. Mit der
Ergänzung -mann bzw. -kerl wird dann entsprechend ein als Figur
geformtes Backwerk aus süßem Hefeteig bezeichnet.
Neben den beiden großregionalen Varianten gibt es auch noch
einige, die nur in kleineren Gebieten vorkommen. Aus der Gegend um Viersen
wurde der Bukmann genannt, der auf die dialektale Form Buk ‚Bauch‘
zurückgeht. In Mühlheim an der Ruhr heißt der Hefeteigmann Puhmann.
Dieser ist bekannter als Schreckgespenst für Kinder, Puh- geht wohl
zurück auf die Interjektion puh als Ausruf des Ekels oder der
Erschöpfung. Die Varianten Kloskerl und Klosmann beziehen sich
vermutlich auch auf die Form des Gebäcks. Im Vergleich zu älteren Dialektkarten
haben diese Bezeichnungen oft abgenommen und wurden durch die großregionalen
Formen ersetzt. Besonders interessant ist noch die Variante Stutenmann,
die im Siegerland und im Bergischen Land vorkommt, genau dort, wo Weckmann
und Stutenkerl aufeinandertreffen. Man kann davon ausgehen, dass es sich
hierbei um eine Art Kompromissform zwischen den beiden Formen handelt: „Westfälisches
Stuten- “ und „rheinisches -mann“ werden zu einer Ausgleichsvariante
kombiniert.
Literatur:
Atlas zur deutschen Alltagssprache. [URL: https://www.atlas-alltagssprache.de].
Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache. [URL: https://www.dwds.de/]
Peter Honnen (2018): Wo kommt das her? Herkunftswörterbuch
der Umgangssprache an Rhein und Ruhr. Köln: Greven Verlag.